Zingst im Internet

Webcam-Blick vom Rettungsturm
an der Zingster Seebrücke
Die Kraniche rasten wieder
Heinz W. Rahlke in "Berliner Zeitung" vom 16.10.2004
Nicht mehr lange, dann versinkt die Sonne hinter den Dächern von Zingst. Mit Ferngläsern ausgestattet, stehen wir im Hafen und warten auf die Kraniche. Ausflugsschiffe und Zeesenboote sind auf den Bodden hinausgefahren, um dem Naturschauspiel möglichst nahe zu sein. Endlich, in der Ferne tauchen die ersten schwarzen Punkte auf. Dann hören wir ihr Rufen. Hunderte Kraniche, oder sind es tausende, verdunkeln den Himmel. Mit schweren Flügelschlägen kreisen sie über den Inseln Kirr und Oie, um schließlich in den flachen Gewässern zu landen. Die Vögel des Glücks haben ihre nächtlichen Schlafplätze erreicht. Nicht mehr lange, dann kommen auch die Ausflugsschiffe und Fischerboote zurück.
Noch eindrucksvoller, aber auch kürzer ist das Schauspiel, das sich am nächsten Morgen bietet. Bevor die Sonne aus dem Barther Bodden aufsteigt, setzt bereits das stimmgewaltige Konzert zehntausender Vögel ein. Doch dann geht es ganz schnell. Als habe jemand das Aufbruchsignal gegeben, steigen tausende Kraniche auf und ziehen mit kraftvollen Flügelschlägen und schreiend in Richtung Festland davon. Rund 30 000 Graukraniche werden jedes Jahr im Frühjahr und Herbst an der pommerschen Boddenküste gezählt. Den Sommer verbringen sie in Skandinavien und dem Baltikum, den Winter in Spanien, Portugal und Nordafrika. Unterbrechen sie ihre Durchreise im Frühjahr meist nur für wenige Tage, bleiben sie im Herbst mehrere Wochen. Die Mehrheit kommt Ende September und tritt spätestens Anfang November die Weiterreise an. Für die Bauern sind das schwere Wochen. Denn die mit einer Flügelspannweite bis zu 2,20 Metern großen Vögel sind nicht nur imposant, sondern auch gefräßig. Etwa 400 Gramm Getreide oder anderes Futter benötigt ein Kranich, um satt zu werden.
Die Urlauber allerdings begeistert das grandiose Schauspiel des Kranichflugs. Und so zieht es jedes Jahr mehr Besucher an die herbstliche Boddenküste. Schon spricht man von einer fünften Saison in dem Ostseebad. Nicht wenige Urlauber sagen, es sei die schönste Zeit an der Küste., Drängeln sich im Sommer bis zu 10000 Übernachtungsgäste in Zingst, wird es im Herbst spürbar ruhiger. Erst jetzt kommt der Charme des ursprünglichen, alten Seefahrer- und Fischerdorfes mit seinen rohrgedeckten Fischer- und Kapitänshäusern richtig zur Geltung. Besonders malerische Häuser lassen sich auf Spaziergängen durch die Störtebekerstraße, Strandstraße und Lindenstraße entdecken.
In einem schönen Kapitänshaus aus dem Jahre 1872 residiert auch das Zingster Heimatmuseum Haus Morgensonne", in dem gezeigt wird, wie bescheiden die Menschen hier einst gelebt haben. Auf dem gleichen Grundstück zeigt die Schaumanufaktur Pommernstube, wie früher an der pommerschen Ostseeküste gearbeitet wurde. Sehenswert ist die backsteinerne Dorfkirche, die 1860 bis 1862 nach Plänen des Schinkel-Schülers und preußischen Hofarchitekten Friedrich August Stüler erbaut wurde. Auf dem Friedhof erinnert ein Gedenkstein an Martha Müller-Grählert, die Schöpferin des Ostseewellen-Liedes "Wo de Ostseewellen trecken an den Strand". Die Autorin verbrachte in Zingst ihre Jugend.
Nicht weit vom Friedhof steht ein anderer Stein: "Zum Gedenken an die am 11. April 1913 bei Darßer Ort ertrunkenen Seeleute des gestrandeten Rahschoners Minna". Immer wieder hat sich die Natur in den vergangenen Jahrhunderten an der Ostsee ihre Opfer geholt. Oft leistete der Mensch den Naturgewalten Vorschub, indem er notwendige Maßnahmen zum Küstenschutz unterließ. Zwei Markierungen am Haus Strandstraße 57 zeigen, wie hoch das Wasser im November 1872 und im Februar 1874 kletterte, als große Teile von Zingst zerstört wurden. Seitdem wird der Küstenschutz ernst genommen: Dünen dürfen nicht mehr betreten werden und die Deiche werden regelmäßig gepflegt. Statt über die Dünen führen viele Rad- und Fußwege auf den Deichkronen entlang, von denen sich der Blick auf Ostsee und Bodden öffnet.